Sizilianische Anekdoten
(1. Teil - Straßenverkehr)
Ob ein Sizilianer sich wesentlich von einem Italiener unterscheidet, kann ich nicht wirklich beurteilen.
Ich kenne nur Sizilien und seine Bevölkerung und kann sie deshalb nicht mit den Italienern vergleichen.
Die Sizilianer sagen aber auch von sich selbst, dass sie keine Italiener sind, und warum sollte ich ihnen das nicht auch glauben.
Jedenfalls sind sie ein sehr interessantes Völkchen.
Disziplin scheint für sie ein Fremdwort zu sein und auf den Straßen herrscht die Regel:
Wer zuerst kommt, fährt zuerst.
Ich brauchte lange dazu, um mich mit dieser Regel abzufinden.
Teilweise blockiere ich den Verkehr, da ich mich an die Vorschriften halte und es durch mich kein Vorankommen gibt.
Halte ich an einem Stoppschild werde ich doch tatsächlich von den Hintermännern überholt.
Rechts vor links existiert schon mal überhaupt nicht, da es einem unmöglich ist, zu erkennen, ob man sich auf einer Vorfahrtstraße befindet oder nicht.
Verkehrsschilder unauffindbar.
Stoppschilder werden nicht beachtet, da man die Linien auf den Straßen kaum noch erkennen kann. Es kann ja sein, dass sie gar nicht mehr gültig sind.
Betrete ich einen Zebrastreifen überkommt mich unweigerlich das Gefühl, dass die Autofahrer denken: Mal sehen ob man sie genau auf dem Zebrastreifen erwischen kann.
Jemand sollte der Straßenverkehrsbehörde den Vorschlag machen, die Zebrastreifen Zielstreifen zu nennen. Da weiß man wenigsten auf was man sich einlässt, wenn man sie betritt.
Die meisten Städte auf Sizilien haben einen alten, barocken Stadtkern und aus diesem Grunde sind die Parkmöglichkeiten sehr eingeschränkt, und da der Sizilianer sehr geh faul ist, wird dann schon mal in der zweiten Reihe geparkt, was aber niemanden zu stören scheint.
Keiner regt sich darüber auf, auch wenn der Verkehr dadurch behindert wird, da jeder so verfährt. Auch wird sich schnell mal quer in eine Parklücke gestellt, da die Erledigung nur ein paar Minuten dauert und das ordnungsgemäße Einparken wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde.
Auch wenn man in der zweiten Reihe keine Parkmöglichkeit findet, benutzt man nicht die kostenlosen großen Parkplätze, die sich etwas außerhalb des Stadtkerns befinden, denn dazu müsste man wieder seine Beine in Anspruch nehmen. Also fährt man lieber eine halbe Stunde durch die Innenstadt, verpestet die Luft mit den Abgasen und stellt sich dann manchmal auch in eine Einfahrt.
Wenn jemand dort hinein will, soll er doch einfach hupen und genau das passiert dann so hundert Mal am Tag.
Am Interessantesten sind die „Vigili urbani“, die eigentlich den Verkehr und die Ordnung in einer Stadt regeln sollten. Da aber auch sie Sizilianer sind, sehen sie die ganzen Probleme, wenn man Ordnungswidrigkeiten als Probleme bezeichnen will, gelassen.
Würden sie ihre Arbeit nach Vorschrift machen, hätten sie bald keine Freunde und vielleicht auch keine Familie mehr.
In einer sizilianischen Stadt ist jeder irgendwie miteinander verbunden. Verwandt, befreundet, der Freund von einem Freund, der Cousin von einem Bekannten, der Schwiegervater einer Bekannten von dessen Freundin, die Freundin von der Cousine einer Freundin usw, usw.
Diskutiert wird viel mit diesen „Vigili“, die mir richtig leid tun. Manchmal müssen sie eben Strafzettel verteilen, denn irgendwie brauchen auch sie ein Erfolgserlebnis, bzw. müssen ihren Vorgesetzten belegen, dass sie ihrer Arbeit nachgehen.
„Was soll der Strafzettel“, bekommen sie dann schon mal zu hören. „Du kennst doch mein Auto.“
Da nimmt man dann in der nahe gelegenen Bar zusammen einen Caffé (Espresso), diskutiert noch eine halbe Stunde und am Ende wird er Strafzettel zerrissen.
Ich muss immer bezahlen, da ich keine Verwandten und wenige Freunde in dieser Stadt aufweisen kann.
Strafzettel sind teuer:
Parken auf Zebrastreifen =75 €, Parken im Halteverbot =55 €, das Überziehen der Parkzeit= 35 €.
Der Sizilianer scheint außerdem seine ganzen Telefonate im Auto während des Fahrens zu erledigen. Obwohl auch hier die Strafe ganz schön gesalzen ist (600 €) hält sich „Niemand“ an das Verbot. Warum auch, wenn doch die Ordnungswächter selbst ihre privaten Telefonate während der Fahrt erledigen.
Sturzhelme scheinen nur ein Accessoire zu sein, welches man an dem Lenkrad befestigt. Obwohl hier die Strafe: Einzug des Fahrzeuges bedeutet, sehen die Sizilianer dies gelassen.
Kontrolliert wird das sowieso nur bei Verkehrskontrollen, und diesen kann man ja gegebenenfalls noch ausweichen.
Viel wird auch nicht kontrolliert, denn die Städte wissen mittlerweile schon nicht mehr wo sie die konfiszierten Motorräder und -roller abstellen sollen, denn das Gesetzt schreibt bei Nichttragen des Helmes dieses vor, Die Halden sind voll.
In vielen Städten wird am Samstagabend die Haupteinkaufsstraße für den Verkehr gesperrt und als Fußgängerzone ausgewiesen. Wer dann als Fußgänger die Fahrbahn benutzt, muss trotzdem wachen Auges sein, weil Autofahrer nicht einsehen, dass diese Straße nun für sie nicht mehr befahrbar ist. Und die „Vigili“ schauen sich derweil die Auslagen der Geschäfte an.
© Kerstin Buttà
Hier kommen immer wieder neue Geschichten hinzu....
( 2.Teil – Majolika, Made in Sicilia?)
Um ganz Sizilien zu sehen und zu entdecken reicht ein normaler Urlaub von 2 oder 3 Wochen nicht aus.
Man beschränkt sich als normaler Tourist auf die in den Reiseführern beschriebenen Sehenswürdigkeiten und hetzt von einer Stadt zur anderen.
Ich habe das Glück mehrere Monate im Jahr hier verbringen zu können und habe somit genug Zeit auch Dinge mir anzusehen, die in keinem Reiseführer beschrieben sind.
Heute möchte ich von einem Ausflug nach Caltagirone berichten.
Diese Stadt, die über die Insel hinaus für ihre Majolika berühmt ist, liegt im Landesinneren.
Wir fahren also von Acireale aus am frühen Morgen los.
Nachdem wir die Hektik rund um Catania hinter uns gelassen haben, fahren wir vorbei an endlos weiten Feldern, auf denen Kühe und Pferde grasen. Ziegen- und Schafherde sind noch wesentlich mehr zu bestaunen. (Aus deren Milch wird der wohlschmeckende Ricotta (Frischkäse) hergestellt.)
Nach gut 1 1/2 Stunden sind wir dann in Caltagirone angekommen und finden auch sofort einen Parkplatz. Und Glück hatten wir noch dazu, dass es einer war, der kostenlos benutzt werden kann.
Wir schlendern also durch die Stadt und bestaunen die vielen Geschäfte in deren Auslagen die Majolika zu bestaunen ist.
Zum Glück fragte mich mein Mann bei jedem Gegenstand den ich in die Hände nahm, wozu ich das denn gebrauchen könne. (Ich hab nämlich die ganze Wohnung voll davon)
Also stelle ich alles wieder zurück in die Regale und wir schauten uns in der Stadt weiter um.
An der berühmten Freitreppe Santa Maria del Monte, erbaut 1606, die 142 Stufen aufweist, 1954 mit handgemalter Keramik verkleidet ist und die Geschichte der Keramik-Herstellung zeigen, betrat ich eine Kirche (Santa Maria del Monte).
Im Eingangsbereich der Kirche befand sich unter anderem eine kleine Ausstellung mit dem Titel: Kunsthandwerk aus Caltagirone.
Der Erlös des Verkaufes wird für die Renovierung eben dieser Kirche benutzt.
Mein Blick ging sofort zu kleinen Putten, die in einer Vitrine ausgestellt waren. Da ich eine leidenschaftliche Sammlerin von Puttenfiguren bin, konnte ich hier nicht daran vorbei gehen, ohne eine dieser kleinen, süßen Figuren zu erwerben.
Ich entschied mich für eine kleine, mit Goldfarbe überzogene Putte und fragte nach dem Preis. 15€..., das lag noch im Rahmen meines Budgets für diesen Tag und ich entschied mich zuzugreifen.
Die Verkäuferin sagte mir noch, dass sie diese Figur auch original verpackt habe und griff unter den Verkaufstisch, nahm die Schachtel und tat sie in eine kleine Tüte.
Glücklich über meinen Erwerb verließ ich die Kirche und wir schlenderten weiter durch den wunderschönen Stadtpark, in dem man vergessen konnte, dass man sich inmitten einer Stadt mit viel Lärm und Verkehr befindet.
Am Abend, zu Hause angekommen, wollte ich meine Errungenschaft (Putte aus Caltagirone) sofort zu den anderen Putten in meiner Vitrine aufstellen und glaubte meinen Augen nicht zu trauen, als ich das Etikett auf der Verpackung las:
Made in China
© Kerstin Buttà
(3.Teil - Wochenmarkt)
Ich liebe es, am Samstag morgen, auf den Wochenmarkt zu gehen.
Das Angebot reicht von Schuhen (für Frauen sehr wichtig), über Handtaschen, Kleidung und Krimskrams, bis hin zu Obst und Gemüse.
Um den ganzen Wochenmarkt in Acireale besuchen zu können, braucht man gut 2 Stunden.
Erstens weil er so groß ist, und 2. weil viele Menschen ihn besuchen.
Man braucht viel Geduld, um sich einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen, denn auf den Markt kommt man nicht nur um einzukaufen, sondern man trifft viele Freunde und Bekannte.
Das ist auch der Grund, warum der Menschenfluss ständig ins Stocken gerät.
Menschentrauben, die in den schmalen Durchgängen ein Durchkommen gänzlich verhindern, trifft man fast vor jedem Stand.
Hier wird heiß über Politik, Privates usw. diskutiert.
Will man sich vorbei drängeln, muss man acht geben, dass man keine Stupser abbekommt, denn der Sizilianer unterstreicht seine Meinung kräftig mit gestikulierenden Händen.
Ganz schlimm ist es, wenn sich Frauen treffen, die, natürlich mit ihren Kindern, sich über diese unterhalten. Da wird die Kleidung der Kleinen bestaunt, und weil die Kinder nun mal kleiner sind wie die Erwachsenen, wird sich zu ihnen hinunter gebeugt, was selbstverständlich in den schmalen Durchgängen noch mehr Platz einnimmt.
Die Kinderwagen stehen quer im Gang und über die Füße wird einem damit auch schon mal gefahren. Die Kinder fangen an zu schreien, weil sie sich von den Menschenmassen, die sich um sie herum befinden, eingegrenzt werden und der Himmel für sie kaum noch zu sehen ist.
Sie fangen an zu weinen und zu schreien und zu diesem Geräuschpegel gesellen sich dann noch die Schreie der Händler.
Sie preisen ihre Waren an, wobei einer versucht den anderen zu übertreffen. Eng aneinander stehen die verschiedenen Verkaufsstände und oftmals gibt es zwischen den Händlern Streit, wegen ein paar Zentimetern, die manch einer dem anderen weggenommen hat.
Ein harter Kampf, der einen Händler schon mal dazu verleiten ließ, einen Baum in der Nacht zu fällen, um einen halben Meter mehr an Verkaufsfläche zu gewinnen.
Nachts rückte er mit einer Motorsäge an und glaubte, dass am nächsten Tag niemandem auffallen würde, dass da mal ein Baum stand.
Er irrte sich, denn seinen Nachbarn ist das nicht verborgen geblieben und sie riefen die Polizei.
Der Händler stellte sich dumm.
Viel musste er sich aber nicht anstrengen, denn dumm war er, hatte er die Motorsäge doch noch in seinem Transporter liegen und seine Hosen waren voller Späne.
© Kerstin Buttà
(4.Teil - Evakuierung des Landesinneren auf Sizilien)
…das könnte man als Tourist annehmen, wenn man die Autokarawanen sieht, die aus der Mitte der Insel in alle Himmelsrichtungen am Nachmittag des 14. August ans Meer unterwegs sind.
Bis jetzt vermieden wir es immer an diesem Tag an den Strand zu fahren, denn ich ertrage Chaos und Menschenansammlungen nicht mehr.
Es ist der Tag vor Maria Himmelfahrt, ein Feiertag in Italien.
Ganze Familienclans rotten sich zusammen, um den Abend rund um ein Lagerfeuer am Strand zu verbringen.
Wenn man den Sizilianern dabei zuschaut, wie sie, nachdem das oder die Zelte aufgebaut, Stühle und Tische aufgestellt und die Luftmatratzen aufgeblasen sind, die Frauen die Fressalien aus den Autos holen, könnte man glauben, dass jede Familie einen eigenen Catering-Service betreibt.
Die Tische, denen man ansieht, dass sie schon viele Himmelfahrtsausflüge hinter sich haben, werden mit Tischdecken abgedeckt und darauf werden unzählige Töpfe und Schüsseln abgestellt.
Platz für Plastikteller und –becher bleibt nicht übrig.
Jede Zeltgemeinschaft hat außerdem mindestens 10 Kühltaschen mit Getränken dabei.
Cola, Limo und Wasser für die Kinder, Bier für die Eltern und Rotwein für die Großeltern.
Ist dies erst einmal alles chaotisch in dem abgesteckten Strandabschnitt verteilt, wird trockenes Holz aus dem, zwischen Strand und Uferstraße befindlichen, früher einmal als Schutzwall gedachter, heute sehr ungepflegter mit Eukalyptusbäumen bewachsener Grünstreifen, eingesammelt.
Die Kinder buddeln vor der „privaten Zeltstadt“ ein großes Loch in den Sand und dort hinein kommt das Holz für das Lagerfeuer.
„Das wird nie brennen“, denke ich, als ich sehe, dass man ohne System die Holzstücke dort einfach so hinein wirft.
Nachdem nun die Vorarbeiten für den von allen seit Wochen mit Spannung erwarteten Abend erledigt sind, nehmen alle ein Bad im Meer; außer den Großeltern, denn die müssen noch ein Schläfchen halten, denn der Abend wird lang.
Und so kommt ein Familienclan nach dem anderen und plötzlich ist man von ihnen umzingelt und kann dem eigentlich kaum noch entrinnen.
Sollte man eventuell mal auf die Toilette in einem der nahe gelegenen Lidos müssen, bleibt einem nichts anderes übrig, als durch eines der „Familiencamps“ zu latschen.
Man entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten, die man den „Bewohnern“ bereitet und auf dem Rückweg wiederholt sich das Ganze.
Angst vor Kontrollen und den sich daraus resultierenden Strafen scheint heute niemand zu haben.
(Siehe dazu auch meinen Eintrag hier:
http://kerstinbutta.blog.de/2012/08/09/occupy-sizilien-14428714/)
Dafür müsste der Staat auch ganz andere Kräfte aufwenden, wie nur die paar „Vigili“ (Stadtpolizei) oder die Kontrolleure der „Capitaneria di Porto“ (Küstenwache).
Selbst das gesamte Militär würde an diesem Tag nicht ausreichen, um Strafzettel zu verteilen, denn es gibt keinen einzigen Strandabschnitt rund um die Insel der nicht besetzt wurde.
Wildcampen wird also zur kollektiven Gesetzesübertretung.
Man könnte es auch so nennen:
Strand-Flashmob oder Occupy-Sicilia
Wenn es gegen Abend geht und die Dämmerung langsam einsetzt, spüre ich die Feuchtigkeit in meine Knochen, die vom Meer her über den Strand zieht.
Die Handtücher und Kleidung werden sofort klamm und eigentlich ist die Zeit gekommen, wo ich gerne nach Hause gehen möchte…meine Gelenke fangen auch ganz langsam an zu rebellieren.
Doch nichts da, denn nun trifft die herzliche Gastlichkeit der Sizilianer in Kraft.
Von allen Seiten bekommt man Teller mit all den Köstlichkeiten der sizilianischen Küche gereicht.
Ablehnung käme einer Beleidigung gleich.
Als Getränk entscheide ich mich für einen hausgemachten Rotwein, von dem ich gerne einige Flaschen mit nach Hause genommen hätte.
Das Abendessen dauerte bis Punkt 22Uhr und von wievielen Gerichten ich probierte kann ich nicht mehr sagen;
Nur, dass ich wieder unzählige neue Rezepte für meine Sammlung ergattern konnte.
(Einige davon könnt ihr aus meinem Roman entnehmen)
Warum das Abendessen punktgenau 2 Stunden vor Mitternacht beendet wird, liegt daran, weil es um Mitternacht Tradition ist, den Hintern, wie die Sizilianer sagen, ins Meer zu halten.
„Il bagno dell’ culo“, nennen sie es.
Also darf 2 Stunden vor dem Baden nichts mehr gegessen werden…aus gesundheitlichen Gründen.
Ich glaube, dass dies die einzige Regel ist, an die sich die Sizilianer wirklich halten.
Pünktlich um Mitternacht stürzen alle in die Fluten, obwohl man im Wasser, da kein Vollmond, nicht einmal die Hand vor Augen sehen kann.
Es gibt nur ganz wenige Mutige (ich sag mal Idioten), die weit hinaus schwimmen.
Die meisten bleiben direkt am Ufer und viele tauchen nur kurz unter und gehen gleich danach zurück, um sich abzutrocknen oder umzuziehen.
Die Kinder müssen ihre Schlafanzüge anziehen, allein schon wegen der vielen Stechmücken und Schnacken.
Die Großen stellen auf die zusammengestellten Tische Petroleumlampen und die Kartenspiele werden ausgepackt. Sizilianer bekommen nämlich schon im Kindesalter das Kartenspiel Briscola (sizilianische Karten) beigebracht.
Für uns wird es nun Zeit zu gehen. Die Feuchtigkeit sitzt mir in allen Gliedmaßen.
Wir verabschieden uns und bedanken uns gleichzeitig bei allen, die uns an diesem Abend „durchgefüttert“ haben, für die Gastfreundlichkeit.
Wir könnten auch gerne in einem der vielen Zelte die Nacht verbringen.
„Platz ist in der kleinsten Hütte“ (sagt man auch auf Sizilien) und man wird einfach zusammen rücken.
Ich verweise auf meine Gelenkschmerzen … und nun treten die Omas auf den Plan, mit allerlei guten Ratschlägen und Hausmittelchen.
Nochmals bedankten wir uns bei allen und gehen, vorbei an dem Lagerfeuer, welches zu meiner Verwunderung doch ziemlich schnell brannte, zurück zum Auto und dabei bemerke ich, dass die angrenzenden Lidos, da, wo man auch mal die Toilette benutzen konnte, schon geschlossen haben.
Die müssen nämlich bei Einbruch der Dunkelheit aus Sicherheitsgründen schließen.
Wer von den Pächtern sich nicht daran hält, muss mit sehr saftigen Strafen und bei erneutem Verstoß sogar mit dem Entzug der Genehmigung von Seiten der Küstenwache, die mit ihren Booten auch nachts die Küste entlang fahren, rechnen.
Also nach Mitternacht sind keine Toiletten mehr verfügbar und das ist der Grund, warum Wildcampen nun mal verboten ist und in den Tagen nach Maria Himmelfahrt möchte ich nicht durch den Grünstreifen zwischen Strand und Uferpromenade laufen müssen.
Es war dennoch ein schönes Erlebnis…nur noch einmal brauche ich das nicht.
©Kerstin Buttà
(5.Teil - Sie kommen mit Taschen voller Geld
und verdrängen die regionalen Händler.
Chinesen wohin man auch schaut…auf dem historischen Markt von Catania/Sizilien.
Weit über hundert Jahre besteht dieser Markt im Herzen der Altstadt.
Ein Stand reiht sich an den anderen und jeder Marktschreier versucht seine Kollegen zu übertönen.
Lauthals boten sie ihre Waren an und manchmal konnte man dort wirklich ein Schnäppchen machen: Markenwaren zu günstigen Preisen.
Früher kauften diese Händler die gesamte Remanenz der verschiedenen Einzelhandelsgeschäfte nach Saison-Ende zum Kilopreis auf und verkauften diese auf den Märkten; oftmals zu einem Drittel des normalen Ladenpreises.
Und Schuhe...liebe Leserinnen---Schuhe, Schuhe, Schuhe
Wer also keinen Wert darauf legte modisch unbedingt das Allerneuste zu tragen, kam hier auf seine Kosten.
Dann kamen auf Flüchtlingswegen Marokkaner, Tunesier, Syrier, Senegalesen und viele andere aus armen oder vom Krieg heimgesuchten Ländern, die an den Stränden als Verkäufer von billigen Klamotten oder Krimskrams versuchten sich ihren Unterhalt zu verdienen.
Größtenteils verbleiben diese Immigranten in den Unterschichten.
Manchmal jedoch sah man vereinzelt einige von ihnen auf den Märkten mit einem kleinen Stand. Sie hatten es also geschafft.
Seit wenigen Jahren allerdings, mit Fortschreitung der Globalisierung, hat sich das Bild des Marktes in Catania verändert.
Immer mehr einheimische Händler werden von den Chinesen verdrängt.
Einen Standplatz, der teilweise über mehrere Generationen einer Familie gehörte, erwerben sie, indem sie dem Betreiber eine Summe anbieten, die wahrscheinlich „Niemand“ ablehnen würde.
Stimmt man dem Geschäft zu, kommt gleich am nächsten Tag ein Unterhändler mit einer Tasche voller Bargeld.
(Womit Montis 1000Euro-Gesetzt, welches besagt, dass keine Geschäfte mehr in bar getätigt werden können, die den Betrag von 1000 Euro überschreiten, zu reiner Makulatur werden lässt. Betrifft auch Privatkäufe. Alles über den Betrag hinaus, darf nur noch mit Kreditkarte, Scheck oder Überweisung bezahlt werden.)
100 000 Euro ist ein 10 Meter langer Stand wert.
Greift man da nicht schnell zu? Oder überlässt man dieses Geschäft lieber dem Nachbarn?
Je länger man zögert, umso niedriger wird das Angebot.
Das Angebot der Waren auf den Märkten lässt aufgrund dessen in der Qualität erheblich nach und man findet vorwiegend nur noch Billigwaren aus den asiatischen Ländern.
Den Hafen von Neapel erreichen täglich tausende Container mit Waren aus China, die innerhalb weniger Stunden nach Ankunft den Hafen in alle Richtungen Italiens verlassen.
Die Entladung der Container liegt natürlich in den Händen der neapolitanischen Mafia, die in diesem Fall, eng mit der chinesischen zusammen arbeitet.
Viele der Container werden von den Zollbehörden bei Verlassen des Hafens nicht kontrolliert, da einige Zöllner bestimmter Schichten, sich gerne etwas dazu verdienen.
(Dies beschreibt Roberto Saviano in seinem Buch „Gomorrha“ ganz genau, weshalb er nun unter ständigem Personenschutz steht.)
Dies alles wird zweifelsohne durch die jetzige Krise noch gefördert und die eigentlichen Verlierer der chinesischen Invasion sind die kleinen Einzelhändler, die bei Saisonende auf ihrer übrig geblieben Ware, die jedes Jahr an Quantität zunimmt, sitzen bleiben.
Kein Markthändler kommt mehr um ihnen die „alte Ware“ ab zukaufen.
Die Regale in den Geschäften, die trotz dem, seit mehr als einem Monat dauernden Sommerschlussverkauf mit Preisnachlässen von mehr als 70% locken, sind immer noch prall gefüllt.
Wohin also mit der neuen Ware für den Winter, die schon aus den Fabriken unterwegs ist in die Geschäfte. Viele weitere Geschäfte schließen, weil sie die neue Ware nicht bezahlen können.
Und mit den Chinesen ist auch ein Stück italienische/sizilianische Kultur, die die Araber nach ihrer Besetzung zurück gelassen haben, und ich immer sehr amüsant fand, verloren gegangen:
Es wird auf dem Markt nicht mehr gehandelt.
Aber… dafür kann man dies jetzt wieder in den kleinen Einzelhandelsgeschäften versuchen… und wenn es sich auch nur um ein paar Euro handelt… Spaß macht das Handeln mit den Sizilianern auf jeden Fall.
©Kerstin Buttà





































































